Ein Beispiel für verschwurbelte Texte aus dem Koalitionsvertrag

:: Politik

Ich hatte ihn mir schon recht früher heruntergeladen, den Koalitionsvertrag von CDU/CSU/FDP zur 17. Legislaturperiode 1, aber erst nach der Sendung “Querköpfe” im DLF (gesendet am 27. Januar 2010) mit und über Henning Venske, habe ich mir dann doch einmal die Mühe gemacht, das PDF-File zu öffnen. Unsere gewählten Vertreter schmettern uns als erste Sätze folgende Ouvertüre entgegen:

“Wir stellen den Mut zur Zukunft der Verzagtheit entgegen. Wir wollen unserem Land eine neue Richtung geben. Freiheit zur Verantwortung ist der Kompass dieser Koalition der Mitte. Wir führen Deutschland in Bildung, Wissenschaft und Forschung an die Weltspitze, um kommenden Generationen ein Leben in Wohlstand, Gerechtigkeit und Sicherheit zu ermöglichen. So wollen wir mit neuem Denken die Zukunft gestalten.”

Lebendiges Deutsch schaut anders aus, aber gut. Ich identifiziere in den ersten drei Sätzen folgende Verben: “stellen … entgegen”, “wollen … Richtung geben” und "…ist…"; soweit so umständlich. Aber ist den Autoren aufgefallen, wie hohl und hölzern ihre Begriffe sind? Wie kann “Freiheit zur Verantwortung” ein “Kompass” darstellen? Wie muss man sich dies vorstellen? Vor allem, wie soll denn aus dieser angeblichen Orientierung das Land eine neue Richtung erhalten?

Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, als hätten die Autoren doch noch ein bisschen viel Opel-Krise im Hinterkopf gehabt: Lautete nicht deren Werbespruch über Jahre “Frisches Denken für bessere Autos”? Da klingt doch “mit neuem Denken die Zukunft gestalten” ähnlich werbephrasenhaft.

Jedenfalls, wir sollten uns bei jeder Zeitungsnachricht über die Koalition (und oft berichtete Dissonanzen) daran erinnern: "Freiheit zur Verantwortung ist der Kompass dieser Koalition der Mitte." Wenn das mal nicht in Orientierungslosigkeit endet…

  1. Hier eine Quelle von der Homepage der CDU: http://www.cdu.de/portal2009/29145.htm 

Das Restaurant Si An in Berlin

:: Allerlei

Nun schon zum wiederholten mal hat es mich in Berlin im Stadtteil Prenzlauer Berg in das Si An in Berlin verschlagen. In einem kleinen, liebevoll (man beachte auch die Dekoration vor dem Lokal am Bürgersteig) eingerichteten Lokal erwartet den Gast feine vietnamesische Küche. Es gibt zwar eine Karte, aber es empfiehlt sich, eine der Tagesempfehlungen auszuwählen. Die Speisen zeichnen sich durch sehr feinsinnig abgestimmte Geschmack und Gewürzauswahl aus. Ein Platz zum Wohlfühlen und Weiterempfehlen.

Si An
Rykestraße 36, 10405 Berlin
http://www.sian-berlin.de

Eine verschwurbelte Stellenausschreibung

:: Allerlei

Die Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) schreibt auf ihrer Stellenmarkt-Homepage Stellen für Professoren derzeit mit folgendem Textblock aus (hier am Beispiel der Ausschreibung für die W2-Professur für Soziologie mit dem Schwerpunkt Methoden der international vergleichenden Sozialforschung im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Einsendeschluss am 20. April 2010):

“Die Justus-Liebig-Universität Gießen strebt einen höheren Anteil von Frauen im Wissen- schaftsbereich an; deshalb bitten wir qualifizierte Wissenschaftlerinnen nachdrücklich, sich zu bewerben. Aufgrund des Frauenförderplanes besteht eine Verpflichtung zur Erhöhung des Frauenanteils. Die Justus-Liebig-Universität verfolgt auch das Ziel einer verstärkten Gewinnung von Führungskräften mit Gender- und Familienkompetenz. Die Justus-Liebig-Universität versteht sich als familiengerechte Hochschule. Bewerberinnen und Bewerber mit Kindern sind willkommen.”

Was genau versteht die JLU unter “Gewinnung von Führungskräften mit Gender- und Familienkompetenz?” Über das Suchformular der JLU zur “Genderkompetenz” (Stand 2010–03–21 So) findet man Hinweise auf Forschungsprojekte des FB03, zur “Familienkompetenz” keinen Treffer.

Möglicherweise wünscht sich die JLU etwas sehr Sinnvolles, allein es ist als nicht so recht möglich über ihre Homepage herauszufinden, worum es genau geht.

Eine Suche über as Portal http://www.hessen.de brachte auch keine Erhellung; also suchte ich über die Seite des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Dieses ist laut seiner Homepage http://www.gender-mainstreaming.net das federführende Ressort für die “Anwendung des Leitprinzips Geschlechtergerechtigkeit innerhalb der Bundesregierung”. Mit dem vom Ministerium geförderten GenderKompetenzZentrum, einem Forschungsinstitut an der Humboldt-Universität Berlin, wird diese Arbeit begleitet und unterstützt. Dort lese ich folgende Definition:

“Gender-Kompetenz ist die Fähigkeit von Personen, bei ihren Aufgaben Gender-Aspekte zu erkennen und gleichstellungsorientiert zu bearbeiten. Gender-Kompetenz ist eine Voraussetzung für erfolgreiches Gender Mainstreaming. Gleichzeitig wird durch die Umsetzung von Gender Mainstreaming neue Gender-Kompetenz erzeugt. Gender-Kompetenz setzt sich aus den Elementen Wollen, Wissen und Können zusammen: (…)”

Kuler, eine Web-Anwendung zum Farben abmischen von Adobe

:: IT

Im Blog von Garr Reynolds fand ich vor kurzem einen netten Hinweis auf eine Web-Anwendung: Für mich als im Bereich Grafik, Farben etc. wenig Beschlagenen ist es immer schwierig, passende Farbzusammenstellungen zu finden. Mit Kuler von Adobe kann man Farbschemata nach bestimmten Mustern erstellen, verändern und diese auch abspeichern. Man kann für die Farben auch auf eine Bild-Datei zurückgreifen und daraus eine Farbe herauswählen. Dabei werden diese dann in verschiedenen Formaten ausgegeben und man kann sie beispielsweise für eine Webseite weiterverwenden. Das Ganze lässt sich (Achtung, Flash-Anwendung), leicht und bequem bedienen. Eine wirkliche feine und nette Anwendung.

Links:

CeBIT 2010

:: IT, Veranstaltungen

Trotz erneut markigem Auftritt (mit Begriffen wie Webciety oder dem Beschwören von “Lösungen” als Konzept im Gegensatz zu früheren Hardware-Schauen) geriet mein diesjähriger CeBIT-Besuch zur Enttäuschung. Ich stellte fest, dass einige der Unternehmen, die ich besuchen wollte, entweder den Stand massiv reduziert hatten oder schlicht zu Hause geblieben sind. Somit sank die Zahl der “guten Gespräche” auf ein historisches Tief. Darüberhinaus schien es zum Teil so zu sein, als würde die CeBIT auch nur noch als medialer Punkt in der Dramaturgie von Marketing-Spezialisten. Kleine Geschichte am Rande hierzu: Microsoft stellte eine Demo-Version des neuen Mobiltelefonbetriebsystems Microsoft Windows Phone 7 vor; auf die Rückfrage, ob denn die Applikationen auch nur über ein Shop-Konzept wie bei Apple auf das Gerät kommen, wich der Präsentator aus: Man müsse mit der Antwort auf diese Frage doch noch zwei Wochen warten, bis zur nächsten Mix (der Entwickler-Hausmesse von Microsoft).

Nachtrag vom 2010–03–07 So: Eine interessante Diskussion zum Design von Windows Phone 7 findet sich im Forum von Edward Tufte.

Nachtrag vom 2010–03–16 Di: Nun haben wir also fast zwei Wochen gewartet und mit Spannung lüftet Microsoft auf seiner Entwicklerkonferenz Mix das Geheimnis um die ersten Windows-Phone-Anwendungen. Der Heise-Verlag hat hierzu eine Mitteilung verfasst, in der es unter anderem über die neuen Anwendungen für das Windows Phone Betriebsystem heisst:

“Bekommen wird man diese Anwendungen ausschließlich über einen runderneuerten Windows Phone Marketplace, der diverse Vertriebsmodelle unterstützen wird (kostenlos, Freemium, Trial, Bezahlung über Kreditkarte oder Mobilfunkanbieter).”

Damit schwenkt Microsoft für seine mobilen Anwendungen auf Basis von Microsoft Phone auf das Geschäftsmodell von Apple ein.

Beschleunigung als soziales Phänomen

:: Allerlei

Wozu späte Autofahrten gut sein können: Im September 2009 habe ich in den Funkhausgesprächen bei WDR5 eine interessante Gesprächsrunde zum Thema “Beschleunigung” gehört.

Die Thesen eines der Diskutanten, des Soziologen Hartmut Rosa von der Universität Jena, haben mich recht lange noch beschäftigt (so habe ich unter anderem auch einmal Einblick in seine Habilitationsschrift “Beschleunigung - Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne” genommen); ein Punkt daraus, soweit ich das richtig verstanden habe:

Wir nehmen den Fortschritt in der Moderne als sich ständig höhere drehende Anforderungen an unsere geistige Verarbeitungskapazität wahr. Wenn wir nicht innert Stunden auf eine E-Mail reagieren, werden Absender nervös. Ständig kommen von überall Nachrichten und Mitteilungen auf uns zu. Wir leben in einem ständigen Gefühl des Überfordertseins aufgrund einer wahrgenommenen Beschleunigung in unserer Welt. Dabei ist jedoch zu sehen, dass es zwar technologischer Fortschritt sein kann, der bestimmte Handlungsweisen erst möglich macht: So erreiche ich viele Orte erst mit dem Flugzeug in akzeptabler Zeit. E-Mails sind schneller zugestellt als die Schneckenpost. Aber, so eine wichtige These, das Gefühl der Beschleunigung ist zu einem großen Teil ein soziales Phänomen. Mit der schnellen E-Mail, um bei diesem Beispiel zu bleiben, verändert sich das Kommunikationsverhalten und die -konventionen: Dass man eben schnell auf eine E-Mail antwortet und sich nicht wie früher bei einem Brief mehr Zeit lässt. Oder anders gewendet: Die Technik erlaubt uns, heute mehr E-Mails zu schreiben als früher Briefe und schneller zu kommunizieren. Statt nun diesen Produktivitätsfortschritt zu nutzen und die gewonnene Zeit mit Müßiggang zu verbringen, schreiben wir deutlich mehr E-Mails, müssen mehr Nachrichten verarbeiten, werden ggf. sogar wie Push-Diensten auf dem Mobiltelefon mit der elektronischen Post versorgt und fühlen uns zunehmen gehetzt und überfordert. Und Ausbrechen wird nicht so einfach, da uns irgendwann sonst die sozialen Brücken zu unserem Umfeld verloren gehen.

Insgesamt ein spannendes Thema und ich habe aus den von mir gelesenen Arbeiten von Hartmut Rosa sehr viel gelernt, insbesondere öfter nach den sozialen Ursachen bestimmte Entwicklungen zu fragen und diese zu analysieren. Eine reine Technikzentriertheit führt hier (wie auch an anderen Stellen bspw. des Internets) nicht zum Ziel.

Weitere Links zu einem Interview mit der Zeit (sowie einem Schwerpunktthema zur Wiederentdeckung des Nichtstuns) und zu Harmuts Rosas Homepage bei der Universität Jena: